Am 8. Oktober 2026 nahm ich von 9 bis 16 Uhr an der Weiterbildung „Ganztag – Schule gemeinsam anders denken!“ im Rathaus in Gera teil. Die Veranstaltung wurde vom Schulamt Ostthüringen im Rahmen des Startchancen-Projekts ausgerichtet. Vorträge zur Einführung und zum Abschluss sowie unterschiedliche Workshops bildeten den fachlichen Rahmen. Kinder der Grundschule Tabaluga bereicherten das Programm mit ihrer Version des Musicals „Der König der Löwen“.
Im Verlauf des Tages beschäftigten mich vor allem zwei Fragen: Wie konnten die unterschiedlichen Beteiligten gemeinsam einen guten Ganztag gestalten? Und welche Beziehungen brauchten Kinder, um sich in der Schule angesprochen, beteiligt und wirksam zu erleben?
„Guter Ganztag braucht Kooperation“
Im Workshop von Tina Wiesner und Alexander Lorenz stand die Zusammenarbeit zwischen Schule, Hort, Jugendhilfe und außerschulischen Partnern im Mittelpunkt. Eine digitale Sammlung verdeutlichte zunächst, wie viele Menschen den Ganztag mitgestalteten: Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher, Schulleitungen, weitere pädagogische Fachkräfte, Eltern, Vereine und die Kinder selbst.
Eine weitere Umfrage zeigte, wie die Teilnehmenden ihre Zusammenarbeit vor Ort einschätzten. Von 33 Antworten entfielen 23 auf organisatorische Zusammenarbeit und vier auf partnerschaftliche Kooperation. Je drei Antworten beschrieben sporadische Information oder defizitorientierte Abstimmung. Diese Momentaufnahme aus der Gruppe machte deutlich, dass die gemeinsame pädagogische Gestaltung über die alltäglichen organisatorischen Absprachen hinaus noch Entwicklungsmöglichkeiten bot.
Im Workshop wurden dafür wichtige Voraussetzungen herausgearbeitet: gemeinsame Ziele, verlässliche Kommunikation, ausreichend Zeit und Ressourcen sowie eine Leitung, die Kooperation aktiv unterstützte. Die unterschiedlichen Berufsgruppen brauchten Raum, um ihre Beobachtungen auszutauschen, verschiedene Sichtweisen zu verstehen und Entscheidungen gemeinsam zu entwickeln. Kooperation wurde damit als Teil der Schul- und Organisationsentwicklung betrachtet.
Ein Fallbeispiel zu einer Bewegungs-AG veranschaulichte diese Herausforderung. Eine Lehrkraft, eine Hortfachkraft und eine Trainerin schätzten die Bedürfnisse der Kinder unterschiedlich ein. Während eine Perspektive Ruhe und Lernzeit betonte, sah eine andere gerade in der Bewegung einen wichtigen Ausgleich. Kurzfristige Informationen über Abholzeiten und die Teilnahme einzelner Kinder verschärften die Situation. Die Fallarbeit richtete den Blick darauf, wie gegenseitige Anerkennung, rechtzeitige Absprachen und ein gemeinsames Ziel zu einer Lösung beitragen konnten. Auch die Perspektive der Kinder sollte dabei ausdrücklich berücksichtigt werden.
Ein zentraler Gedanke war, den Ganztag als Lebensraum der Kinder zu verstehen. Verlässliche Beziehungen, Freundschaften, Spiel, Bewegung, kreative Tätigkeiten und Mitbestimmung wurden als wichtige Voraussetzungen ihres Wohlbefindens hervorgehoben. Die Qualität der Zusammenarbeit sollte deshalb auch daran gemessen werden, ob sie den Alltag der Kinder verbesserte. Beteiligung konnte beispielsweise bei Regeln, der Raumgestaltung, Aktivitäten und der Tagesstruktur konkret werden.
Darüber hinaus weitete sich der Blick auf die kommunale Ebene. Schulen und Horte waren Teil eines Netzwerks aus Jugendhilfe, Verwaltung, Vereinen sowie Kultur- und Bildungseinrichtungen. Kommunales Bildungsmanagement wurde als Bindeglied vorgestellt, das diese Beteiligten vernetzen, Bedarfe sichtbar machen und gemeinsame Planungen unterstützen konnte.
Resonanzpädagogik mit Prof. Dr. Jens Beljan
Im zweiten von mir besuchten Workshop widmete ich mich der Resonanzpädagogik. Prof. Dr. Jens Beljan stellte zunächst drei Modi der Weltbeziehung vor: Resonanz, Repulsion und Indifferenz. Damit rückten unterschiedliche Erfahrungen in den Mittelpunkt – sich angesprochen und verbunden zu fühlen, Ablehnung zu erfahren oder einer Situation gleichgültig gegenüberzustehen.
Am Beispiel des Blickkontakts wurde die Bedeutung nonverbaler Kommunikation deutlich. Der Gedanke, dass ein Kind den Augen mehr glaubte als dem Mund, lenkte die Aufmerksamkeit auf die Übereinstimmung von Worten und Verhalten. Pädagogische Zugewandtheit musste für das Gegenüber auch in der Begegnung spürbar werden.
Musik- und Filmbeispiele eröffneten weitere Zugänge. Unter anderem wurden unterschiedliche Interpretationen von „Mad World“, John Lennons „Working Class Hero“ sowie die Filme „Der Club der toten Dichter“ und „Fack ju Göhte“ aufgegriffen. Die Gegenüberstellung der Filme stellte die Frage nach Resonanz in sehr unterschiedlichen schulischen Umgebungen – von der Eliteschule bis zur sogenannten Problemklasse.
Als wesentliche Elemente von Resonanz wurden Affiziertheit und Selbstwirksamkeit beschrieben: einerseits berührt und angesprochen zu werden, andererseits selbst etwas oder jemanden erreichen zu können. Für den pädagogischen Alltag rückte damit die Frage in den Vordergrund, ob Kinder mit ihren eigenen Gedanken und Ausdrucksformen eine Antwort erhielten und etwas bewirken konnten.
Zugleich wurde deutlich, dass Resonanz nicht vollständig kontrolliert oder hergestellt werden konnte. Der Begriff der Unverfügbarkeit beschrieb diese Offenheit. Mit Transformation wurde die Möglichkeit angesprochen, durch eine Begegnung verändert zu werden. Unter dem Stichwort „Lost in perfection“ geriet außerdem das Verhältnis zwischen Perfektionsanspruch und lebendiger Beziehung in den Blick.
Ein weiterer Themenbereich war das Verhältnis von Resonanz, Fremdheit und Entfremdung. Dabei wurde die Bedeutung der „Anverwandlung“ hervorgehoben: Kinder sollten die Möglichkeit erhalten, sich mit Inhalten auseinanderzusetzen und einen eigenen Zugang zu ihnen zu entwickeln. Misslang dieser Prozess, konnte Schule als Entfremdungszone erlebt werden.
Auch Bildungsungleichheit wurde kritisch betrachtet. Im Workshop wurde hinterfragt, inwiefern die Verteilung von Lebenschancen nach Leistung oder Talent den unterschiedlichen Ausgangsbedingungen von Kindern gerecht wurde. Als pädagogische Orientierung wurde eine Differenzierung nach Unterstützungsbedarfen hervorgehoben. Damit rückte die Frage in den Mittelpunkt, welche Begleitung ein Kind benötigte, um seine Möglichkeiten entfalten zu können.
Impulse für meine weitere Arbeit
Die beiden Workshops eröffneten mir unterschiedliche, miteinander verbundene Perspektiven auf den Ganztag. Im ersten ging es um gemeinsame Verantwortung und die Strukturen der Zusammenarbeit. Im zweiten stand die Qualität der Begegnungen innerhalb dieser Strukturen im Mittelpunkt.
Als verbindenden Gedanken nahm ich mit, dass die Bedürfnisse, Perspektiven und Beteiligungsmöglichkeiten der Kinder den Ausgangspunkt der Gestaltung bilden sollten. Dafür brauchte es Erwachsene, die ihre Erfahrungen zusammenbrachten, sich verständigten und Kindern aufmerksam begegneten.
Aus Gera nahm ich deshalb auch Fragen an meine eigene Praxis mit: Wo gelang bereits eine gemeinsam getragene Gestaltung des Ganztags? Wo brauchten wir verbindlichere Absprachen und mehr Raum für Austausch? Und wann erlebten Kinder im Alltag, dass ihre Stimme gehört wurde und ihr Handeln etwas bewirkte? Diese Fragen bildeten für mich einen Ausgangspunkt, um die Impulse der Weiterbildung weiterzudenken.