Von Felix Osterloh · Erzieher und Hortkoordinator
Persönliche Perspektiven auf Hortpädagogik, Zusammenarbeit und Arbeitsbedingungen – aus einem gemeinsamen Interview mit Petra Rechenbach.
Wie hat sich die Arbeit im Hort verändert? Was lässt sich aus früheren Erfahrungen lernen? Und welche Bedingungen brauchen wir, um Kinder im Ganztag gut zu begleiten? Über diese Fragen haben Petra Rechenbach und ich am 10. Oktober 2023 in einem gemeinsamen Interview gesprochen. Wir bringen Erfahrungen aus unterschiedlichen Generationen mit. Besonders wichtig war uns beiden dabei die Frage, wie pädagogische Ansprüche im Alltag tatsächlich umgesetzt werden können.
Petra berichtete aus ihrer Arbeit als Ganztagserzieherin mit Lehrbefähigung in der DDR und aus ihrer späteren Tätigkeit bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Zum Zeitpunkt des Gesprächs war sie bereits im Ruhestand. Ich brachte meine Erfahrungen als Erzieher an einer Thüringer Grundschule ein. Seit 2017 arbeitete ich dort im Hort; kurz vor dem Interview hatte ich zusätzlich die Aufgaben des Hortkoordinators übernommen.
Dieser Beitrag greift die wesentlichen Gedanken unseres Gesprächs auf und ordnet sie nach Themen. Die beschriebenen beruflichen und organisatorischen Rahmenbedingungen beziehen sich auf den Zeitpunkt des Interviews.
Was Petra aus der Hortarbeit in der DDR mitbringt
Petra beschrieb den Hort als festen Bestandteil des schulischen Alltags. Unterricht, Mittagessen, Hausaufgaben und Freizeitgestaltung waren eng aufeinander bezogen. Für den Nachmittag gab es klare Bildungs- und Erziehungsziele. Ordnung, Disziplin und sorgfältiges Arbeiten spielten eine große Rolle. Zugleich war die pädagogische Arbeit durch die politischen und ideologischen Vorgaben der DDR geprägt.
Besonders anschaulich schilderte Petra die Zusammenarbeit mit der Klassenlehrerin: Beide waren für dieselbe Klasse zuständig, tauschten sich regelmäßig aus und wussten, woran die Kinder gerade arbeiteten. Im Hort wurden Hausaufgaben begleitet und kontrolliert, teilweise auch Unterrichtsinhalte weiter geübt. Daneben gab es Freizeitangebote, in deren Planung die Kinder ihre Wünsche einbringen konnten.
Aus diesem Rückblick lässt sich einiges über verbindliche Zusammenarbeit lernen. Ebenso wichtig ist aber Petras Hinweis, dass die individuelle Betrachtung der Kinder ein Fortschritt ist. Die damaligen Strukturen lassen sich deshalb nicht einfach übertragen. Hinzu kommt, dass Kinder mit besonderem Förderbedarf nach ihrer Erfahrung häufig andere Schulen besuchten. Die Anforderungen an die von ihr betreuten Gruppen waren damit andere als die, denen wir in einem inklusiven Ganztag begegnen.
Zusammenarbeit braucht Zeit im gemeinsamen Alltag
In meinem Teil des Interviews ging es unter anderem um die Verbindung von Unterricht und Hort. In Thüringen sahen wir dafür eine wichtige Voraussetzung: Lehrkräfte und Horterziehungskräfte waren beim Land beschäftigt. Petra betonte, wie sehr sich die GEW für den Erhalt dieser gemeinsamen Verantwortung eingesetzt hatte.
Wie eng die Zusammenarbeit tatsächlich gelingt, hängt jedoch stark vom Alltag ab. Wenn Erzieherinnen und Erzieher überwiegend am Nachmittag anwesend sind, bleiben die Möglichkeiten für gemeinsame Planung begrenzt. Größere Beschäftigungsumfänge eröffneten nach meiner Erfahrung mehr Spielraum, bereits am Vormittag mitzuwirken und andere Lernangebote zu gestalten.
Für mich gehört zu einem guten Ganztag deshalb ein abgestimmter Tagesablauf. Lernen, Bewegung, Erholung und eigene Interessen der Kinder brauchen darin ihren Platz. Dafür müssen die beteiligten Fachkräfte voneinander wissen, miteinander sprechen und gemeinsam planen können. Diese Zusammenarbeit braucht feste Zeiten und verlässliche Zuständigkeiten.
Kinder individuell begleiten und Übergänge gestalten
Ich berichtete im Gespräch von sehr unterschiedlichen Voraussetzungen, mit denen Kinder in die Schule kommen. Sie haben verschiedene Erfahrungen gemacht, unterschiedliche Interessen entwickelt und benötigen auf unterschiedliche Weise Unterstützung. Einheitliche Erwartungen allein werden dieser Vielfalt nicht gerecht.
Besonders sichtbar wird das beim Übergang von der Kindertageseinrichtung in die Grundschule. Schulbesuche, Gespräche zwischen Fachkräften und frühzeitige Kontakte können den Einstieg erleichtern. Petra erinnerte sich an eine Schule, deren Kinder überwiegend aus einem benachbarten Kindergarten kamen. Dort ließ sich die Zusammenarbeit vergleichsweise unmittelbar organisieren. Wenn eine Schule Kinder aus vielen Einrichtungen mit unterschiedlichen Konzepten aufnimmt, wird diese Aufgabe umfangreicher.
In einem Punkt waren wir uns einig: Übergänge müssen vorbereitet und begleitet werden. Dafür brauchen Lehrkräfte ebenso wie pädagogische Fachkräfte Zeit. Eine verlässliche Kooperation darf nicht davon abhängen, wer nach einem vollen Arbeitstag noch zusätzliche Gespräche organisieren kann.
Auch die Unterstützung von Kindern mit besonderem Förderbedarf muss den gesamten Tag berücksichtigen. Im Interview sprachen wir darüber, dass Hilfen, die im Unterricht vorhanden sind, am Nachmittag nicht selbstverständlich fortgeführt werden. Hier braucht es eine bessere Abstimmung, damit Kinder auch im Hort die Begleitung erhalten, die sie benötigen.
Ausbildung muss auf die Arbeit mit Grundschulkindern vorbereiten
Der Vergleich unserer Ausbildungswege war ein wichtiger Teil des Gesprächs. Petra hatte eine gezielte Ausbildung zur Ganztagserzieherin absolviert und dabei eine Lehrbefähigung in einzelnen Fächern erworben. Meine Erzieherausbildung war breiter angelegt. Das eröffnet unterschiedliche berufliche Möglichkeiten. In meiner Ausbildung stand bei vielen praxisbezogenen Themen allerdings der Kindergarten stärker im Vordergrund als die Arbeit an der Grundschule.
Eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Hortbereich fand für mich deshalb vor allem beim Einstieg in die Berufspraxis statt. Genau dort sehe ich Entwicklungsbedarf: Wer mit Grundschulkindern arbeitet, muss deren Entwicklungsaufgaben, Interessen und zunehmende Selbstständigkeit kennen. Pädagogische Vorgehensweisen lassen sich nicht unverändert von einer Altersgruppe auf eine andere übertragen.
Petra und ich sprachen uns daher für eine stärkere Spezialisierung und kontinuierliche Weiterbildung aus. Dazu gehört auch die Frage, wie unterschiedliche pädagogische Abschlüsse anerkannt werden. Im Interview thematisierten wir Schwierigkeiten, die wir damals bei der Anerkennung und Vergütung kindheitspädagogischer Qualifikationen sahen. Für die Gewinnung von Fachkräften sind passende Einsatzmöglichkeiten und nachvollziehbare berufliche Perspektiven wesentlich.
Beteiligung, Schulsozialarbeit und Elternkontakte
Ein Beispiel aus meiner Praxis war die regelmäßige Zusammenkunft der Schülervertretungen. Gemeinsam mit der Schulleitung begleitete ich diese Treffen. Meine zusätzliche Qualifikation als Demokratieberater war dabei ein Anlass, mich für ein solches Format einzusetzen. Kinder sollten die Möglichkeit bekommen, ihre Anliegen einzubringen und an der Gestaltung ihres Schulalltags mitzuwirken.
Beteiligung braucht Begleitung und Kontinuität. Im Gespräch benannte ich Schulsozialarbeit als wertvolle zusätzliche Unterstützung – sowohl für solche Beteiligungsformen als auch für die individuelle Begleitung von Kindern und als weitere vertrauensvolle Anlaufstelle. Hortfachkräfte übernehmen bereits viele soziale Aufgaben. Zusätzliche Fachkräfte können die Möglichkeiten eines Teams erweitern.
Petra hob außerdem die Bedeutung der Zusammenarbeit mit Eltern hervor. Sie berichtete von engen Kontakten und persönlichen Gesprächen in ihrer früheren Praxis. Unterschiedliche familiäre Lebenslagen und Kommunikationswege verändern diese Aufgabe. Verlässlich bleibt die Notwendigkeit, sich über die Entwicklung eines Kindes auszutauschen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Auch dafür muss im Arbeitsalltag Zeit vorgesehen sein.
Gute Arbeitsbedingungen sind eine Voraussetzung für pädagogische Qualität
Immer wieder kamen wir auf die Arbeitsbedingungen zurück. Vorbereitung, Beobachtung, Dokumentation, Elternkontakte und Absprachen gehören zur pädagogischen Arbeit. Im Interview beschrieb ich, dass für diese Aufgaben in meiner damaligen Arbeitssituation nur sehr wenig gesonderte Zeit vorgesehen war.
Petra verband diese Erfahrungen mit ihrer gewerkschaftlichen Perspektive: Bildungsziele und organisatorische Vorgaben müssen durch ausreichende personelle und finanzielle Mittel getragen werden. Wenn Fachkräfte fehlen und Kolleginnen und Kollegen ständig zusätzliche Aufgaben auffangen, wird es schwieriger, den eigenen pädagogischen Ansprüchen gerecht zu werden.
Gleichzeitig berichtete ich, dass nicht alle Beschäftigten ihre Arbeitszeit erhöhen möchten oder können. Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen und persönliche Lebensentwürfe spielen dabei eine Rolle. Gute Personalplanung muss deshalb sowohl größere Beschäftigungsumfänge ermöglichen als auch unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigen.
Für den Quer- und Seiteneinstieg sprachen wir über berufsbegleitende Qualifizierung und angemessene Bezahlung. Wer Menschen für die Arbeit im Ganztag gewinnen und halten will, muss ihnen eine tragfähige berufliche Perspektive eröffnen. Dazu gehören ebenso ein verlässliches Team und die Anerkennung unterschiedlicher fachlicher Kompetenzen.
Was Strukturentscheidungen langfristig bewirken
Petra brachte Erfahrungen aus den Veränderungen nach der Wiedervereinigung ein. Sie erläuterte die als „Floating“ bezeichneten Arbeitszeitregelungen, mit denen Beschäftigung gesichert werden sollte. In unserem Gespräch wurden sowohl die damit verbundenen Einschränkungen als auch ihre Bedeutung für den Erhalt der Horte in Landesverantwortung angesprochen.
Ich ergänzte Erfahrungen mit der zeitweisen kommunalen Organisation von Grundschulhorten. Dabei ging es um örtliche Handlungsspielräume bei Einstellungen, aber auch um Finanzierung und die spätere Verteilung von Verwaltungsaufgaben. Für mich gehört deshalb auch eine ausreichend besetzte und gut abgestimmte Verwaltung zu einem funktionierenden Ganztag. Schulen brauchen Unterstützung bei Personalfragen und klare Zuständigkeiten.
Mit Blick auf den damals für 2026 erwarteten Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung diskutierten wir schließlich die Finanzierung. Im Mittelpunkt stand für uns, dass neben Räumen und Ausstattung auch Personal, Ausbildung, Weiterbildung und Koordination dauerhaft finanziert werden müssen. Die Qualität eines Angebots entscheidet sich wesentlich daran, welche pädagogische Arbeit im Alltag möglich ist.
Mein Blick auf die Weiterentwicklung des Ganztags
Aus unserem Gespräch nehme ich besonders die Bedeutung verlässlicher Zusammenarbeit mit. Petras Erfahrungen zeigen, welchen Unterschied feste Zuständigkeiten und regelmäßiger Austausch machen können. Meine Perspektive aus der Grundschule ergänzt die Frage, wie wir diese Verlässlichkeit mit unterschiedlichen Entwicklungswegen, Beteiligung und individueller Unterstützung verbinden.
Für die Weiterentwicklung des Ganztags halte ich deshalb ausreichend qualifiziertes Personal, Zeit für gemeinsame Planung und die Anerkennung pädagogischer Arbeit für entscheidend. Kinder brauchen Erwachsene, die ihre Entwicklung begleiten, ihnen zuhören und sich untereinander abstimmen können. Die Bedingungen dafür müssen wir gemeinsam gestalten – in den Teams, in der Ausbildung, in der Verwaltung und in der Bildungspolitik.
Grundlage dieses Beitrags ist ein gemeinsames Interview mit Petra Rechenbach vom 10. Oktober 2023. Die Inhalte wurden für die Veröffentlichung thematisch geordnet und sinngemäß redaktionell bearbeitet. Der Beitrag gibt unsere damaligen Erfahrungen und Einschätzungen wieder.
Ich schreibe hier aus meiner persönlichen beruflichen Perspektive, nicht im Namen meiner Schule, meines Arbeitgebers oder der GEW.