Schnell im Beruf – aber mit welcher Perspektive? Erzieherinnen und Erzieher in Thüringen

Eine aktuelle WiFF-Auswertung zeigt: Die untersuchten Erzieherinnen und Erzieher fanden nach ihrer Ausbildung durchschnittlich nach 1,5 Monaten ihre erste Stelle. Das klingt zunächst ermutigend. Doch die Zeit bis zum Berufseinstieg beantwortet eine andere Frage nicht: Finden Fachkräfte auch eine verlässliche berufliche Perspektive dort, wo sie leben möchten? Die Meldung enthält keine gesonderte Auswertung für Thüringen und erlaubt keine Aussage darüber, wie viele unbefristete Stellen hier verfügbar sind. Quelle: WiFF, 19. Oktober 2026

Nach meiner Beobachtung wird die Stellensuche in Thüringen schwieriger. Besonders unbefristete Angebote sind schwer zu finden. Das ist keine statistische Bestandsaufnahme des gesamten Landes, aber eine Erfahrung, die in der Diskussion über den Erzieherberuf ernst genommen werden sollte.

Weniger Kinder verändern die Ausgangslage

Die demografische Entwicklung stellt Thüringens Kindergärten vor Herausforderungen. Nach einer Auswertung der Serviceagentur Demografischer Wandel auf Grundlage der Thüringer Landesstatistik sank die Zahl der in Kindertageseinrichtungen betreuten Kinder von 94.443 im Jahr 2020 auf 81.589 im Jahr 2025. Die durchschnittliche Auslastung lag 2025 bei 77,8 Prozent. Als wesentlichen Grund nennt die Auswertung die sinkenden Geburtenzahlen. Zugleich bestehen erhebliche regionale Unterschiede. Die Zahlen beziehen sich auf Kindertageseinrichtungen insgesamt. Quelle: Serviceagentur Demografischer Wandel, April 2026

Diese Entwicklung setzt Einrichtungen und ihre Personalplanung unter Druck. Trotzdem dürfen wir Kindergärten und Schulhorte nicht gleichsetzen: Horte an staatlichen Schulen sind in der entsprechenden Thüringer Personalstatistik für Kindertageseinrichtungen ausdrücklich nicht enthalten. Für Aussagen über ihre Personalsituation braucht es einen eigenen Blick. Quelle: Thüringer Landesamt für Statistik

Eine Stelle ist noch keine Planungssicherheit

Ein erfolgreicher Berufseinstieg bedeutet nicht automatisch dauerhafte Sicherheit. Entscheidend ist auch, ob ein Arbeitsvertrag eine langfristige Perspektive eröffnet und der Stundenumfang zum Leben reicht.

Für Beschäftigte geht es um mehr als den nächsten Arbeitsvertrag: um die eigene Wohnung, Familienplanung und die Möglichkeit, sich langfristig an einen Ort und ein Team zu binden. Wer junge Menschen für den Erzieherberuf gewinnen möchte, muss auch über diese Bedingungen sprechen.

Den Rückgang für bessere Bedingungen nutzen

Aus meiner Sicht dürfen sinkende Kinderzahlen nicht automatisch zu einem entsprechenden Personalabbau führen. Sie sollten auch Anlass sein, über kleinere Gruppen, mehr Zeit für einzelne Kinder, verlässliche Vertretung und bessere Zusammenarbeit mit Familien nachzudenken.

Das geschieht nicht von allein. Es braucht politische Entscheidungen und eine Finanzierung, die pädagogische Qualität ermöglicht. Mein Anspruch an Land, Kommunen und Träger ist deshalb: regionale Personalbedarfe transparent machen, Nachwuchskräften frühzeitig Perspektiven anbieten und dauerhafte Aufgaben möglichst durch unbefristete Beschäftigung absichern.

Weniger Kinder sind kein Grund, ihre Bildung weniger wichtig zu nehmen. Thüringen sollte die demografische Veränderung nutzen, um gute Fachkräfte zu halten und die Bedingungen für Kinder und Beschäftigte zu verbessern. Wer heute aus Unsicherheit den Beruf oder das Bundesland verlässt, steht morgen nicht selbstverständlich wieder zur Verfügung.